Pischpek, Frunze und danach Cognac im Sanatorium

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Bevor man das Land Kirgistan bereist, muss man sich erstmal im Klaren werden, wie das Land denn nun eigentlich genau heißt. Wir haben fünf unterschiedliche Bezeichnungen gefunden:
Kyrgyzstan
Kirgistan (Transkription aus dem Russischen, die am häufigsten verwendet wird und die wir deshalb auch übernommen haben)
Kirgisien
Kirgisische Republik
Kirgisistan (Bezeichnung vom Auswärtigen Amt)

Hat man sich mit dieser Fragestellung arrangiert, stellt man vor Ort schnell fest, dass es jede Menge weiterer Gelegenheiten zur Verwirrung gibt. Die kirgisische Schreibweise ist dem Russischen sehr ähnlich, aber dennoch gibt es spürbare Unterschiede. Das führt nicht nur dazu, das eigentlich alles im öffentlichen Leben zweifach ausgeschrieben ist, sondern das es insbesondere schwierig sein kann einen bestimmten Ort zu finden, da es hierfür eine russische und eine kirgisische Schreibweise und eine irgendwie geartete Transkription gibt – also Vorsicht bei der Navigation.

Aber zuerst möchten wir vom sensationellen Grenzübergang von Kasachstan nach Kirgistan berichten, den wir in 45 Minuten gemeistert haben. Nachdem wir unsere letzten Tenge in Diesel umgesetzt hatten, fuhren wir zum Grenztor. Hier musste Pia aussteigen und zu Fuß zur Passkontrollstation laufen, während ich nach kurzer Zeit durchs Tor gelassen wurde und zum ersten Kontrollpunkt fuhr. Schnell war auf kasachischer Seite alles „kontrolliert“, wobei wie so oft besonderer Augenmerk auf Pia’s Schlafsack gelegt wurde, der gefüllt mit Kissen den Eindruck vermittelt, wir hätten noch einen weiteren Passagier an Bord –  kurz darauf ging es weiter zur kirgisischen Seite. Hier musste ich zunächst jede Menge Hände schütteln und mir wurde freundschaftlich auf die Schulter geklopft. Für Emma hat sich niemand interessiert und so hieß es nach circa 30 Minuten für mich: „Welcome to Kyrgyzstan!“. In der Zwischenzeit durfte Pia die bereits bekannte Drängelei hautnah erleben und brauchte daher etwas länger mit der Passkontrolle auf kasachischer Seite. Danach ging es für sie zu Fuß nach Kirgistan, wo in einem kleinen Gebäude ihr Pass kontrolliert wurde. Das war’s – sehr unkompliziert, freundlich und vor allem auf kirgisischer Seite herzlich! Somit hätten wir eigentlich nur 30 Minuten gebraucht, wären die Fußwege für Pia nicht so weit gewesen 😉 In der Zwischenzeit konnte ich schon einige Dollar in Som umtauschen und eine kirgisische SIM-Karte kaufen.

Da wir die Großstadt Almaty erst kürzlich verlassen hatten, war unser Bedarf an einer weiteren Großstadt zunächst gestillt, weshalb wir Bischkek (die Stadt hieß übrigens früher Pischpek und eine zeitlang Frunze – beides sensationelle Stadtnamen, wie wir finden…) für einen kurzen Versorgungsstopp und eine „Sightseeing“-Fahrt durchs Stadtzentrum nutzten, aber schnell hinter uns ließen und in den südlich gelegenen Nationalpark Ala Artscha fuhren.

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Angekommen in der Landeshauptstadt

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Erstaunlicherweise war hier trotz Wochenende sehr wenig los, was sicherlich auch am ungemütlichen Wetter lag – Regen, Nebel, wenige Grad über Null. Nachdem wir den ersten Schlagbaum am Nationalpark gegen Zahlung eines Entgelts (ca. 8 Euro für 2 Personen und unser Gefährt) passieren durften, ging es stetig bergauf entlang des Flußlaufes der Ala Artscha bis zu einem zweiten Schlagbaum ab dem Autos verboten sind. Wir fanden etwas weiter abgelegen einen einsamen Parkplatz direkt am Wasserlauf und richteten uns nach einem ersten ausgiebigen Erkundungsgang für die Nacht ein. Am nächsten Morgen wollten wir zu einem Wasserfall aufsteigen. Allerdings staunten wir nicht schlecht, als wir verschneit und „eingefroren“ erwachten (die Hängertür war vom Kondenswasser zugefroren…). Es war unverändert neblig und der Schnee fiel in dichten Flocken. Nachdem wir hastig unsere Schneesachen herausgeholt hatten, machten wir uns an den Aufstieg zum Wasserfall. Die Bedingungen verlangten aber ihren Tribut, dichter Nebel, Schneefall und unzureichende Beschilderung machten es uns nicht möglich den Wasserfall zu erreichen und wir traten nach 2.5h den Rückweg an und orientierten uns anhand unserer noch schwach vorhandenen Fußspuren. Erst am nächsten Tag wurden wir mit Kaiserwetter verwöhnt, strahlend blauer Himmel, Sonnenschein und ein Winter-Wonderland Anfang Oktober. Wir blieben noch eine zweite Nacht, die nicht mehr ganz so kalt wie die erste wurde und steuerten dann als nächstes Ziel das weiter östlich gelegene Issyk-Ata Tal an, in dem es heiße Thermalquellen geben soll.

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Glücklicherweise war das Wasser im Hänger nicht gefroren, sodass wir uns erstmal einen Tee machen konnten, bis die Sonne kam, um unsere restlichen Kanister aufzutauen.

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Der sovietische Alpinistenfriedhof lag 30 Minuten von unserem Parkplatz entfernt mitten im Wald.

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Unterwegs besuchten wir das Örtchen Rotfront (ehemals Bergtal), eine alte deutsche Siedlung, die auch heute noch ca. 100 Deutsche beheimaten soll. Leider fanden wir trotz mehrmaligem Fragen weder das Museum über die Geschichte der deutschen Siedler noch bekamen wir die Gelegenheit Landsleute anzutreffen – schade!

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In Rot-Front

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Als wir die Siedlung Issyk-Ata, die eigentlich ein einziges Sanatorium ist, im gleichnamigen Tal erreichten, wurden wir direkt zur Kasse gebeten und mussten für das Parken bezahlen – allerdings war der Platz überwacht und wir durften dort übernachten. Die Temperaturen waren auch hier wieder deutlich kühler, deshalb freuten wir uns riesig auf die heißen Thermalquellen. Wir machten uns auf einen Erkundungsspaziergang und fragten alle möglichen Leute nach „Thermalinski“ und so ähnlich – bekamen aber immer nur Kopfschütteln als Antwort. Durch Zufall stießen wir bei unserer Suche auf Alexej, einen gebürtigen Kasachen der seit einigen Jahren in Osnabrück lebt und uns offensichtlich als Deutsche identifizierte. Schnell kamen wir ins Gespräch und erfuhren, dass unsere Suche nach Thermalquellen hier wohl erfolglos bleiben würde, aber das Sanatorium doch viele andere Behandlungsmöglichkeiten bieten würde – schließlich macht er mit seiner Frau hier für eine Woche Urlaub. Er arrangierte für uns am gleichen Tag noch Massagen und wir wurden abends auf ihr Zimmer eingeladen – sensationell diese Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft! Der Abendsnack konnte natürlich nicht ohne dreißigjährigen kasachischen Cognac auskommen und nachdem wir zu viert genüsslich zwei Flaschen davon geleert hatten, waren wir auch behandlungsreif für das Sanatorium. Alexej hatte mit seinem verantwortlichen Arzt vereinbart, dass wir uns zu einer gesundheitlichen Aufnahmeuntersuchung am nächsten Morgen vorstellen durften, um anschließend unter anderem Hydromassagen, Schlammpackungen, Schwefelbäder etc. genießen zu können.
Dieser Besuch des kirgisischen Sanatoriums war wohl eine wirklich einmalige Erfahrung. Das Gebäude und die Einrichtungen erschienen wie aus der Zeit gefallen, alles funktionstüchtig, aber bestimmt 40-50 Jahre alt, den ganzen Tag konkurrierten wir mit kirgisischen Omas in bunten Gewändern und kirgisischen Herren mit den typischen Filzhüten, ein jeder bewaffnet mit Plastiktüte und Handtuch, um die Behandlungen – und Alexej wich die ganze Zeit nicht von unserer Seite und sorgte dafür, dass wir immer rechtzeitig dran kamen und ordentlich behandelt wurden.
Die Hydromassagen waren ein ganz besonderes Erlebnis – nach Geschlechtern getrennt, sodass ich mit Alexej das Vergnügen hatte, splitternackt in einem gefliesten Raum von einer jungen, hochschwangeren kirgisischen Krankenschwester mit Wasser abgespritzt zu werden (=Hydromassage) – allein bei dem Gedanken daran muss ich noch heute lachen. Ebenfalls erwähnenswert ist die medizinische Aufnahmeuntersuchung, zunächst wurden wir mit Saugnäpfen an eine Gerätschaft, die aus der Anfangszeit der Computer stammen muss, angeschlossen und bekamen ein ausgedrucktes Diagramm, mit dem wir anschließend beim Arzt vorstellig wurden. Dieser ignorierte die Ausdrucke, maß unseren Blutdruck, interessierte sich aber eigentlich viel mehr für unsere Reise und unser Privatleben… Seine Fragen waren unter anderem, warum Pia nicht zuhause geblieben sei, um den Haushalt zu schmeißen und Kinder groß zu ziehen, anstatt mit dem Auto durch die Gegend zu fahren und ob ich – mit Blick auf meine Haare und meinen Bart – irgendein Problem mit den Haaren hätte oder warum ich so rum laufen würde. Wirklich einmalig und auch Alexej konnte vor lauter Lachen kaum noch übersetzen…
Als wir bei dem Arzt für unsere Behandlungen bezahlen wollten (wobei 20 Minuten Massage beispielsweise 2€ kosten, der viele Tee zwischendurch 20-30 Cent pro Kanne…), durften wir 45min warten, da er mit seinem Handy privat telefonierte und keine Patienten empfing. Sozialismus in die Neuzeit übertragen! 🙂 Trotz Alexej’s Bitten doch mindestens noch 4-5 Tage zu bleiben, verließen wir das Sanatorium nach zwei Tagen, da wir noch mehr von diesem aufregenden Land sehen wollen.

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Wenn der Muezzin ruft, gibt’s keine Ausrede..
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Immer wieder kamen neugierige Kirgisen vorbei, erkundigten sich, ob bei uns alles in Ordnung sei und etliche sprachen sogar etwas Deutsch. Und unsere Liste an „Wenn-Mal-Was-Sein-Sollte-Nummern“ wird stetig länger 😉
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Alexej vertraut nur seinem kasachischen Cognac!

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Unsere ständigen Begleiter 🙂
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Leider nur ein Bild von hinten: unser Arzt!

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Wer sich über unsere rege Aktivität heute wundern sollte: geschrieben hatten wir die Blogposts schon eine ganze Weile (wir sind schon über zwei Wochen in Kirgistan), aber erst heute können wir seit Längerem wieder W-LAN nutzen. Um ganz genau zu sein: wir schnorren das Wifi vom Smart-Park an der Hauptstraße von Naryn an 😉

Ein Kommentar

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  1. Silke Ackermann 19. Oktober 2016 — 22:20

    Beim Lesen der Story über das Sanatorium musste ich laut lachen. Ich freue mich auf die nächsten Abenteuergeschichten.
    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

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