Weiße Nächte in St. Petersburg

Bevor wir St. Petersburg Montagnachmittag erreichten, fanden wir eine Gastankstelle, wo wir hofften eine unserer Gasflaschen wieder auffüllen zu können. Da die Norweger ihr eigenes System haben, konnten wir in Kirkenes unsere Flasche trotz Adapter nicht auffüllen, sondern hätten nur eine neue (teure) Gasflasche kaufen können. Auch dort riet man uns schon, es doch in Russland zu versuchen. Und tatsächlich: neben der Tankstelle in einem separaten Gebäude trafen wir auf einen Mann, der uns sogleich mit selbstgebasteltem Riesenadapter entgegen kam. Schnell hatten wir herausgefunden, wie viel Liter wir benötigen (auf unseren Flaschen sind nur kg-Angaben) und dann wurde für knapp EUR 4 einmal aufgefüllt.

Danach ging es weiter auf der gut ausgebauten Autobahn Richtung Stadt, wo wir direkt das Hotel ,,Weiße Nächte’’ ansteuerten. Über einen Freund von Martins Vater hatten wir die Adresse erhalten, wussten nicht genau was uns erwartete und rechneten maximal damit, dass wir unser Gespann dort auf einem bewachten Parkplatz stehen lassen könnten. Doch weit gefehlt: wir wurden direkt in ein eigenes Zimmer geführt, der Parkplatz wurde uns gezeigt und nach kurzer Zeit hatten wir das Gefühl, dass das ganze Hotel uns schon kennt, so sehr wurden wir von allen Seiten umsorgt. Nachdem wir unser Hab & Gut in das Zimmer gebracht und umgeparkt hatten, wurden wir noch mit Mückenschutz, Stadt- und Metroplänen und den Frühstücksmarken versorgt. Alles nacheinander und von unterschiedlichen Damen, die an die Tür klopften 🙂 Auch Emma durfte mit ins Hotelzimmer, aber wurde auf dem Weg dorthin erstmal noch ausgiebig gegrault. Ein bisschen komisch war es uns schon zumute, nach fast drei Monaten für fünf Tage aus dem Hänger ,,auszuziehen’’, aber wir gewöhnten uns auch schnell an den Komfort eines Raumes mit Stehhöhe, Bad, Couch und Bett. Die Gelegenheit unsere Mückenstiche abschwellen zu lassen, war uns auch mehr als willkommen!

Da in St. Petersburg leider weder in der Metro noch in den Bussen Hunde erlaubt sind (es sei denn sie passen in eine Handtasche), machten wir uns am Dienstagmorgen optimistisch zu Fuß in das 13km entfernte Zentrum. Da wir die Tage zuvor viel Zeit im Auto verbracht und uns nicht allzu viel bewegt hatten, waren wir guter Dinge… das der Tag allerdings mit knapp 40 (!!!) gewanderten Kilometern enden würde, wussten wir da noch nicht 😉

Wir erreichten das Zentrum und steuerten direkt eines der vielen Veggie-Restaurants der Stadt an. Dieses fanden wir inmitten einer Industriebrache, die zum Kunstobjekt umgebaut wurde (Loft Projekt Etagi). Neben einem großen Innenhof rund um das Gebäude mit dutzenden kleinen Cafés, Boutiquen und Ateliers finden sich auf fünf verwinkelten Stockwerken unzählige weitere Geschäften, Bars und Kunstaustellungen. Wir waren absolut begeistert! Von dort aus war es auch nicht mehr allzu weit zum Newski Prospekt – der pulsierenden Achse der Innenstadt. Die unzähligen Prachtbauten, Menschenmassen und auch die Hitze hatten uns (und vor allem Emma) dann doch etwas erschlagen. So schlenderten wir durch die Straßen und kauften uns Tickets für Exkursionen nach Puschkin (Katharinenpalast) und zum Peterhof. Im Vorfeld hatte man uns dazu geraten, denn ohne diese Vorab-Tickets sind gerade zur Hauptsaison Wartezeiten von mehreren Stunden keine Seltenheit – wenn man überhaupt reinkommt. Die Beine wurden schon etwas schwerer und es graute uns vor dem 13km Heimweg – deshalb haben wir uns zunächst noch ein ausgiebiges Abendessen gegönnt, bevor es zurück Richtung Hotel ging. Nach Mitternacht und einem damit wirklich langen Tag erreichten wir völlig erschöpft das Hotel und unser erster ,,Quasi-Marathon’’ war vollbracht! Als Krönung des Tages erwartete uns dort ein Paket von Martin’s Eltern mit vielen Leckereien und einigen Büchern, die wir noch gerne lesen wollen. Während wir noch am Auspacken waren, fiel Emma schon in einen wilden Schlaf mit vielen Zuckungen und lautstarkem Schnarchen…;-)

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Loft Projekt Etagi

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St. Petersburger Bahnhof

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Nachdem wir am nächsten Tag erstmal ausgeschlafen, gefrühstückt und mit unseren Familien geskyped hatten, machten wir uns dieses Mal mit dem Auto auf den Weg in die Stadt. Nach knapp zwei anstrengenden Stunden wilder Autofahrt hatten wir das Zentrum dann auch erreicht – Martin hat sich schnell der russischen Fahrweise angepasst, anders kommt man auch nicht vorwärts 😉 Erstaunlicherweise sind die meisten Parkplätze kostenlos und wir mussten gar nicht allzu lange suchen, bis wir fündig wurden. Die Stadt ist definitiv ein offenes Museum: unendlich viele tolle Häuser, Prachtbauten, Brücken und Sehenswürdigkeiten reihen sich aneinander. Peter, der Große und seine Architekten haben wirklich grandiose Arbeit geleistet. Nicht umsonst wird St. Petersburg auch Kulturhauptstadt Russlands genannt: über 40 Museen, unzählige Ausstellungen und Galerien befinden sich in der Stadt an der Newa. Für den frühen Abend waren wir mit Anastasia verabredet, einer guten Freundin von Dasha, die ich während des Auslandssemesters in Ljubljana kennengelernt hatte. Da Dasha lustigerweise gerade in Deutschland lebt, hat sie uns ihre Freundin zur Seite gestellt. Wir trafen uns in einem tollen, israelischen Restaurant inmitten einer pulsierenden Straße und ließen den Abend bei köstlichem Essen ausklingen – ja, wir lassen es uns wirklich gutgehen 😉 Nach einem Spaziergang mit Emma durch die weiße Nacht der Stadt machten wir uns wieder auf den Rückweg zum Hotel.

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Die Auferstehungskirche

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Für die folgenden beiden Tage standen die Exkursionen an: für mich ging es nach Puschkin und Martin lernte am Tag darauf den Peterhof kennen. Da wir Emma nicht über sechs Stunden alleine lassen konnten, entschieden wir uns dazu, getrennt loszuziehen. So hatten wir auch die Möglichkeit sowohl die Metro als auch die öffentlichen Busse zu entdecken, die unglaublich günstig sind (Bustickets kosten ca. EUR 0,40 und Metrotickets unschlagbare EUR 0,48).

Puschkin war unglaublich: bei strahlendem Sonnenschein machte sich unsere kleine Gruppe (hauptsächlich russische Touristen) zunächst auf in die riesige Parkanlage. Alleine dort hätten wir getrost mehrere Stunden verbringen können, aber schließlich wollten auch alle den Katharinenpalast von innen und vor allem das weltberühmte Bernsteinzimmer sehen. Die Menschenmassen reihten sich vor den Eingängen und nach zwei vergeblichen Versuchen durch den hinteren Eingang zu gelangen, schafften wir es beim dritten Anlauf. Uns erwartete Gold, Gold und…noch etwas mehr Gold – abgesehen vom Bernsteinzimmer natürlich. Mehr als 40 Minuten im Inneren des Palasts waren uns leider nicht vergönnt und Gruppe an Gruppe wurden wir durch verschiedene Zimmer gelotst, leider auch ohne Zeit sich in Ruhe umschauen zu können, sodass meist nicht mehr als 2-3 Minuten pro Raum übrig blieben, bevor wir weiter ,,geschoben’’ wurden. Das Bernsteinzimmer war wirklich beeindruckend, allerdings kleiner als man es sich vorstellt. Fotos waren zum Schutz des empfindlichen Materials leider nicht erlaubt, aber im restlichen Palast durfte man nach Herzenslust knipsen. Der Ausflug war somit in Summe toll, allerdings viel zu kurz. Vor den Toren des Palasts warteten Martin und Emma bereits mit dem Auto, leider konnten sie nicht einmal in den Park, da auch dort Hunde verboten sind. So liefen wir noch etwas durch Puschkin selbst und machten uns danach auf den Weg zurück in die Stadt, nicht ohne unterwegs noch in einem der riesigen Supermärkte anzuhalten, die uns von einem Besitzer eines Veggie-Restaurants aufgrund der veganen Milchauswahl empfohlen worden war. Die Kassiererin staunte nicht schlecht, als wir mit 15 Litern Reismilch an der Kasse standen.

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Der Katharinenpalast in Puschkin

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Mehr Milch als Frischwasser im Hänger 😉

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Nachdem Martin sich am nächsten Morgen mit seiner Exkursions-Gruppe auf den Weg nach Peterhof gemacht hatte, wagte ich mich mit dem Auto erstmals auf die russischen Innenstadtstraßen. Ich wollte in einem etwas außerhalb gelegenen Einkaufszentrum noch ein paar weitere Besorgungen erledigen. Die Hinfahrt verlief ohne Probleme, während des Feierabendverkehrs auf dem Rückweg allerdings gab es Stoßstangen-Kuscheln mit einem anderen Auto. Da die meisten russischen Autofahrer mindestens ein Handy am Ohr oder vor der Nase haben und durch weitere Insassen des Fahrzeugs ziemlich abgelenkt erscheinen, hielt ich schon einen deutlich größeren Sicherheitsabstand als notwendig. Nach einigen Kilometern stop-and-go merkte ich, dass die Fahrerin vor mir aufgrund der Steigung langsam zurückrollte – weder mein wildes Hupkonzert noch Emma’s unterstützendes Bellen aus dem Fenster hinderten sie daran gelassen auf uns zu rollen. Das Hupen war ihr wahrscheinlich nicht aufgefallen, da hier permanent irgendjemand hupt… Die Fahrerin stieg mit ihrem Handy am Ohr aus: der Toyo hatte augenscheinlich nichts abbekommen, ihr Auto aber einige Kratzer – unserer hohen Stoßstange sei Dank. Da wir keine gemeinsame Sprache fanden, stieg sie prompt wieder ein, zog auf die linke Spur und war verschwunden. Den Schreck noch in den Knochen sitzend, stieg ich ebenfalls wieder ein und fuhr zurück ins Hotel. Zum Glück haben wir auch am Abend nichts feststellen können – mein Handy liegt nun aber auch immer griffbereit vorne im Auto!

Martin’s Ausflug war ebenfalls toll, wenn auch viel zu kurz – trotz 5,5h. So lernte er den Park kennen, der am äußersten Ende an die Ostsee grenzt und auch den Palast von Peter, dem Großen. Am Abend naschten wir noch vegane Napoleon-Torte im Hotelzimmer und ruhten uns etwas aus, bevor wir um zwölf Uhr zur Nachtführung abgeholt wurden. Die Führung war ebenfalls über einige Ecken aus Deutschland organisiert worden und so saßen wir nach wenigen Minuten mit Maria und Alex aus Leipzig mit unserem russischen Autofahrer im Wagen und fuhren in Richtung Innenstadt. Da Maria ursprünglich aus St. Petersburg kommt, konnte sie glücklicherweise für uns übersetzen. Gemeinsam standen wir nach einigen Zwischenstops am Ufer der Newa und konnten links als auch rechts von uns bestaunen wie sich die Brücken gegen 01:30 Uhr öffneten – Wahnsinn! Nicht nur an den Ufern fanden sich unzählige Menschen zusammen, auch auf der Newa tummelten sich Hunderte von kleinen Booten und Schiffen, auf denen die Menschen mit Musik und Champagner auf die Öffnung der Brücken warteten. Wenige Minuten nachdem die Brücken geöffnet waren, kamen auch schon die ersten riesigen Container-Schiffe. Langsam machten wir uns wieder auf den Weg zum Auto und fuhren zurück. Auf unsere Frage, welcher Wodka der Beste sei, meinte unser Fahrer, dass er uns das gleich zeigen würde. Erst dachten wir, wir würden die nächste Bar ansteuern, aber er hielt kurz darauf am Straßenrand, holte aus dem Handschuhfach ein Wodkaglas und reichte uns durch den Kofferraum die Flasche. Da war er also der beste Wodka und wir konnten alle nur zustimmen 😉

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Peterhof

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Mit Maria & Alex bei der Nachtführung

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Nachtspaziergang um 3 Uhr morgens

An unserem letzten Tag in St. Petersburg machten wir uns noch einmal mit dem Auto auf dem Weg in die Innenstadt. Wir unterstützten die Veggie-Läden (einer mit dem passenden Namen Vegan Bunker) der Stadt indem wir nochmals unsere Vorräte aufstockten.
Die Peter-und-Paul-Festung wollten wir uns auch anschauen, bevor wir diese erreichten fiel mir allerdings auf, dass mein Geldbeutel fehlte. Darin befinden sich Kreditkarten, Führerschein, Bargeld… die Pässe inkl. Visa verwahren wir zum Glück separat. Prompt machten wir uns auf den hektischen Rückweg zum Toyo…. nach einer halben Stunde durch die Hitze erreichten wir das Auto: mein Geldbeutel war neben dem Kühlschrank zwischen zwei Taschen gerutscht, wo ich zuvor unsere Einkäufe verstaut hatte. Nach diesem Schreck gingen wir wir erst einmal etwas essen, bevor wir die Peter-und-Paul-Festung doch noch bewundern konnten.

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Gegen frühen Abend holten wir den Hänger vom Parkplatz und machten uns auf den Weg gen Osten. Etwas wehmütig ließen wir eine wahnsinnig tolle Stadt hinter uns, aber waren zugleich auch froh wieder in unserem ,,Zuhause’’ zu sein und weiter gen Osten zu fahren. Das nächste große Ziel ist Altai – in mehr als 4.000km.

 

2 Kommentare

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  1. Hartmut Priebe 4. Juli 2016 — 6:56

    Hallo ihr Beiden
    Tolle Bilder aus Petersburg,aber nach dem Programm braucht man wirklich erst mal eine Woche Urlaub.
    Die Versorgungslage ist ja wirklich überraschend gut . Aber das wird sich bestimmt noch ändern.
    Viele Grüße von den Elis
    Wir sind ja gerade auf Radtour ,einige Hotelzimmer sind auch ein wenig“russisch“

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  2. Hallo Emma,
    ein ganz dickes Hunde-Lob und einen fetten Schmatzer an dich, wie du das alles meisterst. Bist ja immerhin noch klein und unerfahren was die Welt anbetrifft und musst Mama und Papa voll vertrauen. Aber wir freuen uns immer zu hören, dass es dir gut geht.

    Hey Ihr Beiden,
    weitermachen und nicht aufhören!!!

    Liebe Grüße
    Andreas, Kerstin und Astor

    Gefällt 1 Person

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